Der Bürgermeister und das Böse

Kinderfilme hatten in Tschechien schon immer einen ausgezeichneten Ruf. Ein tschechischer Kinderfilm zeichnet sich durch seine hohe künstlerische Qualität und Sensibilität aus. Dies gilt auch für das Böse, wie dies dem Genre entsprechend auch im tschechischen Großstadtmärchen ‚Der blaue Tiger’, einem Kinderfilm von Petr Oukropec aus dem Jahr 2012, aufgezeigt wird.

Ein gefährlicher Gegenspieler

Daniel Drewes verkörpert den Bürgermeister Nörgel. Er ist als gefährlicher Gegenspieler der kleinen Johanna, gespielt von Linda Votrubová, und ihres Freunds Mathias, dargestellt durch Jakub Wunsch, deutlich zu verstehen. Herr Nörgel mächt einen gepflegten Eindruck, zeigt beim Sprechen gern sein ausgezeichnetes Gebiss, ist groß, eitel und schlank. Herr Nörgel geht nur mit einem blütenweißen Hemd in die Öffentlichkeit, hat einen schicken Haarschnitt und wirkt deutlich als einer aus der oberen sozialen Schicht der Stadt.

Weil er für das Böse steht, wird er nicht nur von seinem Charakter und seinem Aussehen her als Gegenpol zu den Menschen aufgebaut, die in ihren Behausungen im botanischen Garten leben. Im selben Ausmaß, in dem die kleine Johanna als Heldin des Kinderfilms agiert, arbeitet der Bürgermeister gegen die Bewohnerinnen und Bewohner, auch gegen die Besucherinnen und Besucher des alten botanischen Gartens. Er ist von seiner Art her ehrgeizig, arrogant, zynisch, zweckgebunden freundlich, hintergründig bösartig und gefährlich.

Ein dubioser Bürgermeister

Als plötzlich die Hunde in der Stadt verschwinden und vermutet werden muss, dass der blaue Tiger sie geholt hat, ändert sich die Situation zunehmends. Die Aufdeckung der dubiosen Aktivitäten des langsam kriminell werdenden Herrn Nörgel findet in durchweg düsterer Atmosphäre und dunklen Räumen statt. Dass das Stadtoberhaupt wagt, die Hundebesitzerinnen und -besitzer in Angst und Schrecken zu versetzen, indem es ihre Vierbeiner verschwinden lässt, wird im Medienzeitalter vom Fernsehen kommentiert: So nimmt die Kamera den Mann auf, als er während einer Auseinandersetzung in einen Wasserschacht fällt. Der Fall ist auch ein symbolischer Fall, denn das Fernsehen sorgt auf seine Art dafür, dass Herr Nörgel durch die Fernseh-Kamera und den Kommentar der TV-Journalistin zu Fall kommt.

Ein gutes Ende ohne Bösewicht

In einem Kinderfilm wie ‚Der blaue Tiger’ zeigen die Filmemacher, wie sich am Ende alles auf eine gute Art und Weise auflöst – auch wenn Johanna mit ihrer Mutter, Frau Gärtner, und Mathias mit seinem Vater, Herrn Blume, den alten botanischen Garten verlassen müssen. In diesem Ende hat ein Bösewicht wie Herr Nörgel keinen Platz. So, wie dieser in einen Wasserschacht fällt, fällt er auch als wichtige gefährliche Gegenfigur aus dem dramaturgischen Aufbau dieses modernen Märchens.

Hier kommt in ‚Der blaue Tiger’ das zum Tragen, was den Kindern Perspektiven eröffnet. Denn am Ende siegen die Zauberwelt der beiden kleinen Helden Johanna und Mathias, unterstützt von deren Mutter und Vater. Der tschechische Kinderfilm ist ein Plädoyer für Fantasie und Kreativität der kleinen Erdenbürger. Sie erarbeiten sich dadurch Selbstwert, und dies sicher auch, um in dieser Welt gegen das Böse bestehen zu können.

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