Märchen mit sozialem Hintergrund

Märchen haben eine lange Geschichte der Sozialkritik. Sie kontrastieren häufig das Leben der armen, aber guten Heldenfigur zur Existenz des reichen Bösewichts. In diesem Sinn sprechen heutige Märchen schichtenspezifische Probleme an und machen daraus soziale Utopien. Ein Kinderfilm wie ‚Der blaue Tiger’, der ein modernes tschechisches Großstadtmärchen ist, bedient sich dieser gesellschaftskritischen Ansätze und unterstützt sie durch die heutige Filmtechnik und -technologie.

Zeichentrickfilme im sozialkritischen Kontext

Am Beispiel von Sequenzen, die als kurze Zeichentrickfilme zu verstehen sind, wird dies deutlich. So kann die kleine Johanna in ihrer Fantasie dem bösen Bürgermeister der Stadt eine Riesenschlange um den Hals legen, um ihn zu erwürgen. Sie kann auch einen Kran, der zum Bau eines modernen Gebäudekomplexes aus Stahl und Glas eingesetzt wird, in ihrer kleinen Hand aufgestellt sehen und ihn zerdrücken. Dies alles bringen die in den Kinderfilm eingearbeiteten durch Animation erstellten Szenen zustande, um der neunjährigen Tochter einer alleinerziehenden Mutter Macht über ihr materiell armes Leben zu geben.

Filmische Animation trotzt kindlicher Armut

Wenn der Film ‚Der blaue Tiger’ die Geschehnisse aus Sicht des kleinen Mädchens Johanna erzählt, arbeitet der Regisseur Petr Oukropec mit filmischer Animation Perspektiven aus, die kindlicher Armut trotzen. So sieht die kleine Johanna ihr Leben mit anderen Augen. Wenn sie einen kleinen blauen Tiger auf Papier zeichnet, bewegt sich dieser plötzlich. Und wenn sie von einem Sessel aus in die Luft starrt, sieht sie diesen Tiger als kraftvolle Schattengestalt plötzlich hoch oben an der Decke zum majestätischen Sprung ansetzen.

Mit der Zeit baut sich über diesen Film und seine durch Animation entstandenen Sequenzen der Eindruck auf, dass die Welt einer so kleinen und fantasievollen Heldin wie Johanna voll inneren Reichtums ist. Hier beginnt der Film zur sozialen Utopie zu werden, denn er zeigt Kindern auf, wie sie sich Macht über ihr Leben aufbauen und sich vor sozialer Demütigung schützen können.

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