‚Der blaue Tiger’ und der Animationsfilm

Der 2012 entstandene Kinderfilm ‚Der blaue Tiger’ des tschechischen Regisseurs Petr Oukropec erzählt in eindrücklichen und verdichteten Bildern von einem Kinderleben in einer tschechischen Großstadt. Dabei nutzt dieser Film technische Möglichkeiten, um die Fantasie der Hauptperson, der kleinen Johanna, so lebhaft wie möglich werden zu lassen und ihre Geschichte auf einer zweiten Ebene, in kurzen Sequenzen, anders zu erzählen.

Animation, Wahrnehmung und Verarbeitung

Durch Animations-Einlagen, mit denen beispielsweise Johannas Zeichnungen in Bewegung geraten und zu kurzen Zeichentrickfilmen im Film werden, entsteht in den kleinen und großen Zuschauerinnen und Zuschauern eine andere Art der Wahrnehmung und des Verarbeitens. Der Kinderfilm nutzt Animationstechniken wie Trickfilm, Rotoskopie-Verfahren (Überzeichnung) und Computergrafik. Er reiht sich damit in die Filme der letzten Jahrzehnte ein, die mit dieser Art der Erzählkunst von sich reden machten.

Animation und Erzählkunst

Der britische Regisseur Alfred Hitchcock nutzte 1963 in seinem Horrorfilm ‚Die Vögel’ rotoskopisch bearbeitete Filmszenen, in welchen sich Vogelattacken auf Menschen zu alptraumartigen Erfahrungen zuspitzten. Der US-amerikanische Regisseur Todd Haynes arbeitete 2007 in I’m not There mit verschiedenen Ebenen filmischer Erzählkunst, um die Biografie über den Musiker Bob Dylan in Teilgeschichten und Rückblenden, die im Wechsel von Farb- zu Schwarz-Weiß-Film gezeigt wurden, differenziert und komplex zu einem Kunstwerk werden zu lassen.

Animation und Verfremdung

Wird Animation sequenziell in einem Film wie ‚Der blaue Tiger’ eingesetzt, entrückt sie die fantasievolle Welt eines Kindes von der Alltags-Wirklichkeit in einen märchenhaften Traum. Diese Entrückung bewirkt Verfremdung, durch die Distanz zu den teilweise demütigenden und beängstigenden Vorkommnissen im Leben der kleinen Johanna entsteht.

Der Kinderfilm bietet jungen Menschen dadurch eine Möglichkeit, mithilfe ihrer Fantasie über das erdrückende Zusammenleben mit Erwachsenen hinauszuwachsen. Animation wird also hier wie teilweise auch in anderen Filmen zur Gesellschaftskritik eingesetzt – denn wo sonst muss denn schon ein blauer Tiger in den Streit um einen alten botanischen Garten in einer Großstadt eingreifen?

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